Mittwoch/Donnerstag, 6./7. Juni 2007 j 63. Jahrgang  Nr.129 1 R  Frankfurter Rundschau           OFFENBACH R 23

In Offenbach verwurzelt
Mitglieder aus aller Welt der jüdischen Familie Merzbach zu Besuch

Von Martin Feldmann

Und das ist also der Siegmund-Merzbach-Platz! Ilse Jessel-son (86), geborene Merzbach, und ihr Bruder William (82) ha­ben die Strapazen einer längeren Flugreise von den USA nach Deutschland auf sich genommen, um Offenbach, die Stadt ihrer Vor­fahren, wieder zu sehen. Die bei­den gehören zur weltweit verstreu­ten jüdischen Familie Merzbach, von der sich nun 55 Frauen, Män­ner und Kinder in Offenbach ge­troffen haben. Der Platz an der Er-lenbruchstraße unweit des histori­schen Schlachthofgeländes ist ei­ne Station einer Rundfahrt unter Leitung des ehemaligen Stadtar­chivars Hans-Georg Ruppel. Hier erinnert ein blaues Schild an Sieg­mund Merzbach. 1832, also vor 175 Jahren, hat­te Siegmund Merzbach in Offen­bach ein Wechsel- und Geldge­schäft gegründet. Daraus entwi­ckelte sich das renommierte Bank­haus S. Merzbach.

„Patriotischer Deutscher"

Der gebürtige Frankfurter Wil­liam Merzbach, der als Architekt in Los Angeles gearbeitet hat, er­zählt von der Geschichte der Ban­kerfamilie. Sein Vater war der An­walt Rudolf Merzbach, der bis in die späten 1930er Jahre zusam­men mit Carl und Bernhard Merz­bach das Bankhaus an der Frank­furter Straße in Offenbach gelei­tet hatte. Das übernahm dann der Angestellte Friedrich Hengst. „Mein Vater war ein patriotischer Deutscher, er hatte im Ersten

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Welt­krieg gedient", sagt William Merz­bach. Um so schwerer sei es dem Vater gefallen, vor den Nazis aus der Heimat flüchten zu müssen. 1939 sei es nach England gegan­gen , 1940 weiter in die Staaten.
Schon im 19. Jahrhundert waren ‎

Nachkommen des Bankhaus-‎gründers ausgewandert. Merz-‎bach hatte elf Söhne und vier Töch­ter. Mit den Lebenswegen und Schicksalen der Merzbachs haben sich Ilse Jesselsons Sohn Robert, Musikprofessor in South Carolina, und David Levin, Ingenieur in Lon­don, beschäftigt. Sie machten weltweit mehr als 1000 Familien­mitglieder ausfindig. Viele Merz­bachs seien in der Zeit des Naziterrors umgebracht worden, klagen ‎Jesselson und Levin.‎ Die Reisegruppe schaute sich ‎unter anderem auch im ‎Klingspor-Museum die ‎Guggenheim-Samm-lung an. ‎Siegfried Guggenheim war vor ‎dem Zweiten Weltkrieg der letzte ‎jüdische Gemeindevor-sitzende ‎Offenbachs gewesen. Seine Frau ‎Berta war eine Merzbach.‎